meint Carsten Sobek, Redakteur, D-Motor
Wir leben im 21. Jahrhundert, aber vielen Menschen passt das nicht. Es ist modern, nicht modern zu sein. Bestes Beispiel: Diverse Retro-Wellen, ob in der Mode oder bei Autos. BMW pimpt mit dem Mini ein Design aus den 50er Jahren zu einem hippen Lifestyle-Accessoire und US-Autohersteller durchleben erneut ihre wilde Jugend, indem sie Mustang und Charger eine zweite Chance geben.
Jenseits dieser Massenphänomene gibt es Nischen-Szenen, in denen schon immer früher alles besser war. Nehmen wir das Thema Hot Rodding: Junge Menschen, die die 30er, 40er und 50er Jahre nur aus den Erzählungen ihrer Stalingrad-Großväter kennen, schaffen sich sieben Jahrzehnte alte Ford A an, um am Wochenende mit diesen Retro-Rockets die Viertelmeile auf irgendeinem stillgelegten Flugplatz unsicher zu machen. Den Lifestyle gibt’s dazu, ganze Industrien leben inzwischen von Rodding-Klamotten, Rockabilly-Zubehör und garantiert authentischen Bakelit-Blumenvasen.
Insbesondere in ländlichen Gebieten Deutschlands scheint der Virus des Hot Rodding weit verbreitet zu sein. Warum ist das so? Meine These: Eine Mischung aus kulturellem Clash und den örtlichen Gegebenheiten führte irgendwann dazu, dass auf dem Lande – und hier insbesondere im Süden der Republik – das Interesse an amerikanischer Car-Kultur deutlich stärker ausgeprägt ist als zum Beispiel in trendigen Großstädten.
Wer einsam auf einem Bauernhof schraubt, stört die Nachbarn nicht (denn es gibt keine) und kann die Probefahrt ohne TÜV rund um den Dorfweiher ohne Angst vor polizeilichen Eingriffen durchführen. Das ist in Plantersville, Alabama, genauso wie in Gröbenzell, Oberbayern. Und wer dazu im Radio mit AFN aufgewachsen ist, hat durch diese aurale Infusion bereits ein gutes Stück American Way Of Life mitbekommen. Der Schritt zum stolzen Hot Rod-Besitzer ist so vielleicht nicht vorprogrammiert, aber er fällt deutlich leichter als bei Norddeutschen ohne Ami-Connections. Vielleicht ist das auch der Grund, warum diese Autokultur auf Vorbehalte in der älteren Generation trifft – sie werden durch Pomade im Haar und laute Lakepipes daran erinnert, das Deutschland den Krieg verloren hat. Gottseidank möchte man sagen – ich jedenfalls ziehe ein gechanneltes Business Coupé dem automobilen Gleichschritt eines Volkswagens jederzeit vor.
Aus diesen seltsamen transkontinentalen Verbindungslinien ergibt sich eine Mischung, die es in sich hat. Ähnlich wie bei Einwanderer-Kapellen der 30er Jahre, die mit Jodeln eine sehr alpine, also europäische Ausdrucksform in die amerikanische Country-Musik einführten, schlägt das Pendel nun zurück: Bayrische Buam mit Flathead-Motoren, die der kontinentaleuropäischen oben liegenden Nockenwelle den Stinkefinger zeigen. Und über allem schwebt der Geist einer Epoche, die in den Augen ihrer Epigonen geprägt war vom „Anything goes!“ und dem Optimismus einer jungen Nation, die gerade zur Weltmacht wurde.
Und dieser Geist macht aus manchen Ecken Bayerns auch im 21. Jahrhundert noch Plantersville, Alabama.
Eure Meinung hierzu? Nicht nur aus Bayern, und nicht nach Plantersville schicken. Enfach ein Kommentar unten abgeben.





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